Die Pathogenese der Herpesviren

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ISBN: 978-3-929271-72-0 
Witzig, Friedrich

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Das Buch ist das Ergebnis langjähriger Forschung zur Frage, ob Infektionen die Ursache chronischer Leiden sind. Diese Forschungshypothese lässt sich nur an der Summe aller Krankheitssymptome überprüfen, zu der diese Infektion in der Lage ist.

Zeigen sich nämlich chronische Symptome, sind diese Beleg für das Potential dieses Erregers. Die Herpesviren wurden deswegen ausgewählt die Schriftenreihe: „Weg aus der Krise“ anzuführen, weil der Mensch gegen diese Viren keine Immunität entwickeln kann und somit eine lebenslange Persistenz besteht.

Damit erfüllen die Herpesviren die von Hahnemann geforderten Kriterien für eine chronische Krankheit: einmal infiziert, kann der Körper die Krankheit aus eigener Kraft nicht wieder loszuwerden.

Infektionen mit Herpesviren sind in der Bevölkerung sehr verbreitet, werden aber als solche nicht wahrgenommen. In den Augen der Medizin verlaufen sie in der Regel asymptomatisch. Das bedeutet, dass der Medizin die Klinik der Herpesviren weitgehend unbekannt ist.

Die von mir gesammelten Symptome können somit nicht vollständig sein. Die Veröffentlichung dient dem Zweck, den Therapeuten die Klinik der Herpesviren näher zu bringen.

Je mehr Erfahrungen mit den Nosoden gemacht werden, umso mehr wird das Wissen über die Herpes-Erkrankungen wachsen.

Inhalt:

  • Die chronischen Krankheiten
  • Die Herpesviren
  • Die Pathogenese der Herpes Viren 
    • Herpes-simplex-Virus (HSV)
    • Varizella-Zoster-Virus (VZV)
    • Cytomegalie-Virus (CMV)
    • Roseola-Viren (HH6 + HH7)
    • Epstein-Barr-Virus (EBV)
    • Kaposi-Sarkom-Herpes-Virus (KSHV)
  • Repertorium der Herpesviren

DIE CHRONISCHEN KRANKHEITEN

Nach der Übersetzung von J. H. Allens „Die Chronischen Miasmen“, nach der Überarbeitung von Horst Barthels „Miasmatisches Symptomen-Lexikon“, nach intensivem Literaturstudium zu den Miasmen fing es in mir allmählich an zu dämmern, dass allein das Studium der homöopathischen Quellen und in neuerer Zeit die Postulierung weiterer Miasmen kein Licht in das Dunkel der chronischen Krankheiten bringt und nichts zur Lösung des Problems beitragen wird. Sieht man von den Akutkrankheiten ab, nehmen viele Krankheiten einen langsam entstehenden und stetig sich entwickelnden Verlauf, deren Ursachen größtenteils verborgen bleiben. In Unkenntnis der Ursache bleibt nur die symptomatische Therapie der Beschwerden – der Versuch, den Patienten von seiner Krankheit zu befreien.

Trotz Fortschritten in Diagnostik und Therapie hat sich an den Prinzipien des Therapierens seit den Zeiten Hahnemanns nichts wesentlich geändert. Noch heute hält die Medizin die Veränderungen, die ein Patient im Zustand des Krankseins entwickelt, für das, was zu behandeln ist, und erklärt die dabei entstehenden pathologischen Veränderungen zum Therapieziel. Sie nimmt zwar die ständige Zunahme der Pathologie zur Kenntnis, aber macht sich kaum Gedanken über die treibende Kraft, die nicht laut und offensichtlich, sondern still und im Verborgenen ihr Werk vollbringt. Wenn ein Krankheitsprozess nicht spektakulär, sondern kaum wahrnehmbar abläuft, erfährt er in der Medizin wenig Beachtung. Es sind eher die plötzlich erscheinenden Ereignisse, die sich im Verborgenen entwickelt haben, die als würdig erachtet werden, untersucht zu werden.

Man kann der Medizin nicht vorwerfen, untätig gewesen zu sein. Die Veröffentlichungen beweisen das Gegenteil. Sie häufte eine so immens große Menge an Fakten und Details an, dass ein Medizinstudium nicht ausreicht, diese Datenmenge zu bewältigen. In der Folge sind immer nur die neuesten Forschungsergebnisse präsent, während zurückliegende in Vergessenheit geraten. Die Konzentration auf die offensichtlichen und die Vernachlässigung der latent verlaufenden Krankheitsprozesse hatte zur Folge, dass die Medizin reich an Namen pathologischer Akutzustände ist, nämlich die meisten Diagnosen, und arm an Erkenntnissen über die Ursachen der Prozesse, die das Kranksein unterhalten. Heute kann sich jeder Arzt aus dem Reservoir des ICD mit Diagnosen bedienen und gemäß dem Dogma, ohne Diagnose keine Therapie, den Angriff auf die Pathologie starten.

Konzentriert sich die Therapie auf die Beseitigung krankhafter Veränderungen, aber bleiben die die Krankheit unterhaltenden Kräfte unbeachtet, dann wird sich die Symptomatik zwar bessern, aber nur solange Arzneien dagegen eingenommen werden. Wird die Therapie unterbrochen, ist der Rückfall eine logische Konsequenz. Die Dauertherapie mit einer Anti-Arznei gegen eine Krankheit ist zur Regel geworden. An die Frage, warum die meisten Krankheitszustände eine Dauertherapie erfordern, wird keine Zeit verschwendet. Es sieht so aus, als ob dieses Phänomen, dass eine Pathologie eine lebenslange Antitherapie benötigt, als gegeben hingenommen wird und nicht weiter hinterfragt zu werden braucht. Ein Facharzt kommentierte diese Art des Therapierens, bei der man sich statt einer Heilung mit einer ununterbrochenen Therapie zufriedengibt, mit: „Heilen haben wir schon längst aus unserem Zielkatalog gestrichen“.

Diese Art des Therapierens hatte Hahnemann schon vor knapp 200 Jahren kritisiert, ohne dazu gehört zu werden. Im Vorwort des Organons schreibt er:

[…] „aus der Ansicht der Theile des normalen, todten, menschlichen Körpers (Anatomie), verglichen mit den sichtbaren Veränderungen dieser inneren Theile an Krankheiten verstorbener Menschen (pathologische Anatomie), so wie aus dem, was aus der Vergleichung der Erscheinungen und Funktionen im gesunden Leben (Physiologie) mit den unendlichen Abweichungen derselben in den unzähligen Krankheitszuständen (Pathologie, Semiotik) sich zu ergeben schien, Schlüsse auf den unsichtbaren Vorgang der Veränderungen im innern Wesen des Menschen bei Krankheiten zu ziehen – ein dunkles Phantasiebild, was die theoretische Medicin für ihre prima causa morbi (1) hielt, die dann die nächste Ursache der Krankheit und auch zugleich das innere Wesen der Krankheit, die Krankheit selbst, seyn sollte - obgleich, nach dem gesunden Menschenverstande, die Ursache eines Dinges oder eines Ereignisses nie zugleich das Ding oder das Ereigniß selbst seyn kann.“ Hahnemann. Organon der Heilkunst IV (1829) S. 2-3; V (1833) S. 3-5; VI (1842) S. 18-19.

Auf den Nenner gebracht sagt Hahnemann: Alles, was ein Patient während des Krankseins produziert (erzeugt) – also alle Abweichungen vom Normalen, nicht nur wie bei Hahnemann gemessen an Anatomie und Physiologie, sondern auch heute gemessen an Biochemie und Molekularbiologie – stellen nicht die Krankheit selbst, sondern eine Folge der Krankheit dar und können deswegen nicht die Ursache der Krankheit sein. Die Medizin sieht in den Abweichungen vom Normalen die Krankheit, die es zu korrigieren gilt.

Wenn Hahnemann nun die Ansicht äußert, dass „die meisten, ja allermeisten Krankheiten dynamischen (geistartigen) Ursprungs und dynamischer (geistartiger) Natur sind, ihre Ursache also nicht sinnlich zu erkennen ist“ (Organon VI S.18), wollte er kein Argument für vitalistische Interpretation seiner Ansicht liefern. Er möchte damit nur eine Phase des Krankwerdens beschreiben, in der eine Kränkung Einfluss auf das Befinden nimmt, aber sich noch nicht in einem Magengeschwür materialisiert hat, wo Stress Veränderungen im Befinden oder Handeln auslöst, aber sich noch nicht in einer gestörten Regulation der Stresshormone manifestiert, wo eine Infektion Prodromi, aber noch keine sichtbare, messbare und wägbare Veränderung provoziert. Die Ursache der Krankheit und die Krankheit selbst ist nicht geistiger (also immaterieller), sondern geistartiger Natur. So wie der Weingeist destillierten Wein voraussetzt, der sich zu verflüchtigen pflegt, so verhält es sich mit der geistartigen Natur der Krankheit.

Diese an der Abweichung vom Normalen orientierte Therapie verfolgt das Ziel, die Entstehung krankhafter Veränderungen erst gar nicht entstehen zu lassen oder wenigstens in der Tendenz zu verhindern. Trotz dieses Versuchs, Normalität zu simulieren, nimmt die Pathologie auf längere Sicht zu, entweder die ursprüngliche Krankheit nimmt an Schwere zu oder zur ursprünglichen Krankheit gesellt sich eine neue, meist schwerwiegendere hinzu. Aus Sicht der Epidemiologie scheinen die Krankheiten mit zunehmendem Alter an Menge und Schwere zuzunehmen, quasi einem unsichtbaren Gesetz folgend. Diese Art, Krankheiten zu behandeln, war bisher nicht in der Lage, diesen Prozess zunehmender Pathologie zu verhindern. Ob Studien so designt werden können, dass durch die schulmedizinische Therapie dieser Prozess wenigstens verlangsamt werden kann, bleibt fraglich. Auf jeden Fall sprechen die Fakten eine andere Sprache als die sich selbsterfüllenden Prophezeiungen.

Anamnesen stellen sich in der Medizin als eine Aneinanderreihung von Krankheiten dar, zwischen denen in den seltensten Fällen ein Zusammenhang hergestellt wird oder werden kann. Der Zerfall der Medizin in Fachgebiete leistet dieser Ignoranz Vorschub, Verbindungen zwischen den Krankheiten zu erkennen. Auch die Gewohnheit, sich bei der Therapie an Diagnosen zu orientieren, erschwert es, einen Bezug zwischen den Krankheiten zu erkennen. Mit einer Diagnose wird suggeriert, dass der Krankheitsprozess, der mit dieser Diagnose etikettiert wurde, örtlich und zeitlich begrenzt sei, dass also die Lungenentzündung auf die Lunge und auf die Zeit der Entzündung beschränkt ist. Fragen, warum gerade jetzt und an dieser Stelle eine Krankheit erscheint, werden in der Regel nicht gestellt. Die zunehmende Zersplitterung der Krankheitserscheinungen in Diagnosen, die die Domäne unterschiedlicher Fachärzte sind, wird klaglos als gegeben hingenommen.

Wenn jede Diagnose eine spezifische Arznei erfordert, führt diese Strategie zu einer polypragmatischen Therapie mit x Arzneien für jede Diagnose. Diese Vorgehensweise lässt nur den Schluss zu, dass Zusammenhänge, Verbindungen und Beziehungen zwischen den Erscheinungen nicht wahrgenommen werden. In der Regel nehmen die meisten Patienten eine Menge Arzneien gleichzeitig ein. Nun warnen kritische Pharmakologen vor der ausufernden Verordnung von Arzneien: Therapiert man einen Patienten mit einer Arznei, so kann man in etwa abschätzen, welche Folgen zu erwarten sind. Erhält er aber zwei Arzneien, so gibt es niemanden auf der Welt, der die zu erwartenden Folgen vorhersehen kann. Oder ein anderer Pharmakologe vertritt die Meinung: Kommt ein Patient mit zwei Arzneien in die Praxis und der Arzt stellt fest, dass er eine dritte Arznei benötigt, dann soll sich der Arzt überlegen, welche von den Dreien er absetzt, damit der Patient weiterhin nur zwei Arzneien einnimmt.

Der kritischen Medizin sind die Folgen polypragmatischer Therapie durchaus bewusst, aber ihr ist vollkommen die Existenz sogenannter Arzneikrankheiten entgangen. Da diese in der Medizin, von manchen Homöopathen abgesehen, weitgehend unbekannt sind, sollen einige Beispiele helfen, besser auf das Phänomen aufmerksam zu werden.

Ein Patient, der wegen Rückenschmerzen homöopathische Behandlung aufsuchte, entwickelte mit der Besserung seiner Beschwerden ein Ekzem auf dem behaarten Kopf, das keiner homöopathischen Arznei weichen wollte. Auf Nachfrage erzählte er folgende Geschichte. Vor 17 Jahren verletzte er sein rechtes Knie beim Sport. Sein Stabsarzt punktierte wiederholt das Knie und entzog ihm Blut, aber das Knie füllte sich immer wieder. Das Punktat war am Anfang blutig und wurde dann serös, so dass er eine Dosis Cortison intraartikulär erhielt. Das Knie entwickelte keinen Erguss mehr, aber es bildete sich für einige Wochen ein Ekzem an besagter Stelle, das nicht behandelt wurde. Eine Woche nach Einnahme einer Dosis Cortison C 30 schwoll das damals verletzte rechte Knie wieder an und schmerzte, so dass er nicht gehen konnte. Ohne weitere Behandlung verschwanden die Kniebeschwerden nach einigen Tagen wieder und mit ihnen auch das Ekzem auf dem Kopf.

Eine 70-jährige Patientin entwickelte unter einer zunehmenden Herzinsuffizienz (20 % Restleistung) Panikattacken. Sie litt einerseits unter typischen Symptomen, wie nur noch im Sitzen schlafen können, Treppensteigen beinahe unmöglich, Appetitlosigkeit, und andererseits unter Panikattacken in der Dunkelheit, in geschlossenen Räumen oder im Auto, als ihr Mann verkehrsbedingt in einem Tunnel anhalten musste. Arzneiwahlen auf Basis ihrer Symptome der Herzinsuffizienz und Panikattacken änderten nichts an ihrem bedrohlichen Zustand. Als 20-Jährige wurde sie wegen Panikattacken mit Diazepam behandelt. Von den Panikattacken durch aufsteigende Diazepam-C-Potenzen befreit, offenbarte sich ein Arzneibild, das die vollständige Heilung der Herzinsuffizienz ermöglichte.

Ein knapp ein Jahr altes Kind erkrankte an einem fieberhaften Infekt, dessen Symptomatik unter einer homöopathischen Arznei schnell wieder verschwand. Da das Kind noch einmal hoch fieberte, verabreichte ihm die Mutter einmal Ibuprofen. In der Folge wachte das Kind häufig schreiend aus dem Schlaf auf und ließ sich von der Mutter nur schwer beruhigen. Nach einer Woche erbat die Mutter Hilfe für ihr unter Nachtschreck leidendes Kind. Ibuprofen C 6 setzte dem Spuk schon in der nächsten Nacht ein Ende.

Diese drei Beispiele von in der Medizin häufig verordneten Arzneien – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen – soll dem Leser das Problem der Arzneikrankheiten näherbringen, so dass bei Krankheiten, die sich nicht nur homöopathischer, sondern auch schulmedizinischer Therapie widersetzen, an das Vorhandensein einer arzneibedingten Krankheit gedacht wird. Das größte Hindernis, dieses Phänomen wahrzunehmen, dürfte der Glaube an die materielle Wirkung der Arzneien darstellen. Wie kann eine Arznei auch noch nach Jahrzehnten einen Einfluss auf einen Organismus ausüben? Dieses Phänomen lässt sich nicht ohne Weiteres konventionell nach dem Massenwirkungsgesetz erklären.

Fasst man den Zustand des Therapierens zusammen, so sind folgende Fakten zu beachten: Konventionelle Therapie führt zu einer Dauereinnahme von Arzneien, sie kann neu auftretende Krankheiten und eine Zunahme der Pathologie nicht verhindern und provoziert „Arzneikrankheiten“, so dass das momentane Krankheitsbild ein Konglomerat aus allen Erscheinungsformen darstellt. Diese Art zu therapieren, kommentierte Hahnemann: „Ihr Anfang war erfreulich, die Fortsetzung minder günstig, der Ausgang hoffnungslos.“ (Hahnemann. Chronische Krankheiten 1828, S.6) Ein belesener Kritiker könnte entgegnen, dass er dies über die homöopathische Therapie geschrieben hatte, trifft aber im Kern den Zustand der heutigen Krebstherapie und damit stellvertretend die ganze konventionelle Therapie.

Hahnemann wollte sich mit der Existenz chronischen Siechtums nicht zufriedengeben und noch weniger mit den vergeblichen Versuchen, diese zu heilen. Er war bereits in einem Alter, dass ihm das Ende seines Lebens bewusst war, und um zu verhindern, dass er die Ergebnisse seiner Forschung mit ins Grab nimmt, vertraute er sie zweien seiner Schüler an, bevor er 1828 im Alter von 73 Jahren „Die Chronischen Krankheiten“ veröffentlichen konnte. Er stand vor dem Problem, dass die Krankheiten viele Namen hatten, ohne ihre Ursache zu kennen. An dieser Situation hat sich bis heute nicht viel geändert. Unser ICD-Schlüssel ist voller Diagnosen, Namen für Krankheiten, deren Ursachen meistens nicht bekannt sind. Dieser Behauptung wird sicher widersprochen und die Entgegnungen werden in der Regel Hinweise auf die zugrunde liegenden Pathomechanismen sein und werden dafür die Erkenntnisse über Mechanismen aus Chemie, Biochemie und Molekularbiologie bemühen.

Man stelle sich vor, man begibt sich auf die Suche nach der Ursache von Morbus Crohn, essentieller Hypertonie, koronarer Herzkrankheit, Glomerulonephritis, rheumatoide Arthritis, Asthma bronchiale, Morbus Parkinson, Lupus erythematodes, arterieller Verschlusskrankheit, usw. – eine schier unlösbare Aufgabe. Der Versuch, den die Medizin gewählt hatte, ist die Untersuchung auf chemischer, biochemischer und molekularbiologischer Ebene, in der Hoffnung, im Detail die Ursache zu finden. Hahnemann wählte, da ihm schon früh klar war, dass alle Abweichungen vom Normalen zwar Ausdruck der Krankheit darstellen, aber als Krankheitsprodukt nicht gleichzeitig die Ursache der Krankheit sein kann, einen anderen Weg. An Krankheitsverläufen beobachtete er, dass nach überstandener Akutkrankheit Symptome zurückblieben, die chronische Verläufe nahmen. Die Datenlage erlaubte es Hahnemann, drei Infektionskrankheiten ausfindig zu machen, die das Potenzial besaßen, in der Folge „Nachkrankheiten“ hervorzubringen, nämlich Psora, Sykosis und Syphilis.

Die Syphilis galt auch in der konventionellen Medizin als Infektion mit chronischen Folgen und diente Hahnemann als Vorlage für seine Forschungshypothese. Die Sykosis erkannte er als eigenständige Infektion und trennte sie von der Syphilis. Damit erwies er sich als seiner Zeit weit voraus, denn die Feigwarzen galten als besondere Form der Syphilis. Ob Hahnemann den Tripper als akute Form der Sykosis verstanden hatte, ist nicht klar – auch dieser wurde damals in der Medizin als eine spezielle Form der Syphilis angesehen. Mit dem Postulat aber, dass eine nicht venerische Infektion mit chronischen Folgen existiert, überforderte er die Ärzteschaft. Die Tragweite seiner Entdeckung ist ihr nie richtig bewusst geworden und fand bis heute keinen richtigen Eingang in die Medizin.

In den „Chronischen Krankheiten“ zitierte Hahnemann Autoren, die über „Nachkrankheiten“ nach unterdrückter Krätze (= Psora) berichteten. Während sie die Meinung vertraten, dass mit dem Verschwinden der Krätze diese nicht mehr existierte und so der „Nachkrankheit“ den Platz räumte, ging Hahnemann einen Schritt weiter. Er begriff die „Nachkrankheiten“ als einen Teil der Krätze, jetzt aber in neuem Gewand. Während die zitierten Autoren die Krätze und die „Nachkrankheiten“ als verschiedene Krankheiten ansahen, vertrat Hahnemann die Meinung, dass es sich bei der Krätze und den „Nachkrankheiten“ um die gleiche Krankheit, aber mit anderem Erscheinungsbild handelt. Dass Hahnemann nur eine Infektion entdeckte, die nicht durch Geschlechtsverkehr übertragen wurde, ist dem Umstand geschuldet, dass nach seinen Angaben über 90 % der Bevölkerung an der Krätze erkrankt waren. Nicht nur Hahnemann, sondern auch andere kritische Ärzte beobachteten innere Folgen besonders nach Vertreibung der Krätze von der Hautoberfläche.

Heute ist die Krätze selten geworden und dennoch können wir beobachten, dass einer Neurodermitis, die mit Cortison vertrieben wurde, ein Asthma und einer Schuppenflechte, die zum Verschwinden gebracht wurde, eine Arthritis oder gar eine koronare Herzkrankheit folgen können. Das Phänomen der „Nachkrankheiten“ kann unabhängig von der Existenz einer Krätze vorkommen und ist somit nicht an das Vorhandensein einer Krätze gebunden. Damit kam es zu einem Konflikt zwischen Hahnemanns Forschungsergebnissen, nämlich der Existenz „psorischer“ Krankheitssymptome nach zurückgetretener Krätze, und der Tatsache, dass heute die sogenannten „psorischen“ Symptome nicht auf eine Infektion mit Krätze zurückgeführt werden können.

Hahnemann musste zu der Einschätzung kommen, dass die Krätze die Verursacherin so vieler chronischer Leiden sein muss, weil sie zu seiner Zeit die dominierende Hautkrankheit mit den beobachteten Folgen war. So wie das Licht des Mondes die lichtschwachen Sterne ausblendet, geschah es z. B. den Virusinfektionen, die erst 100 Jahre nach Hahnemanns Tod entdeckt wurden und – wie die Studie zu den Herpesviren zeigt – subakut verlaufen können. Das Licht der Krätze blendete uns in der Wahrnehmung aller weniger leuchtenden Krankheiten. Alle diese ausgeblendeten Krankheiten, die mit der Krätze gleichzeitig vorhanden waren und wie die Krätze iatrogene Reaktionen zeigten, waren in Gegenwart der Krätze kaum sichtbar und nicht wahrnehmbar.

Was im wissenschaftlichen Diskurs selbstverständlich ist, dass neuere Forschungsergebnisse zu einer Korrektur früherer Aussagen führen, hatte in der Homöopathie nicht stattgefunden. Ob nun aus Ehrfurcht vor dem „Meister“ oder aus Angst, den Kanon zu verletzen, wurde die Psorahypothese nicht verworfen, obwohl sie wissenschaftlich nicht bewiesen werden konnte. Dazu wären die Homöopathen auch gar nicht in der Lage gewesen, weil an Hahnemanns Hypothese, dass Infektionen für chronische Leiden verantwortlich sind, nicht weiter geforscht wurde, so dass eine solche Korrektur auf Basis neuerer Forschungsergebnisse gar nicht möglich war. Stattdessen wurde die Krätze (= Psora) metaphysisch verklärt, ihr wurde die materielle Grundlage entzogen und sie wurde in einen immateriellen Geist verwandelt, der immer dann herhalten muss, wenn etwas Unverständliches „erklärt“ werden sollte.

Nicht nur die Homöopathie, sondern die gesamte Medizin hätte eine Fortführung der Forschung Hahnemanns, der Suche nach Infektionen mit chronischen Krankheitsfolgen, nötig gebraucht, denn die Ursache für die Existenz chronisch verlaufender Leiden liegt nach wie vor zum großen Teil im Dunkeln. Den meisten Diagnosen können wir Pathomechanismen zugrunde legen, aber deren Auslöser und deren Antrieb bleiben uns unbekannt. Der Mikrobiologie ist die Entdeckung vieler Erreger und deren akuten Krankheitserscheinungen gelungen, aber zum größten Teil sind ihr deren chronische Folgen entgangen.

Heute wissen wir, dass die Windpocken und auch die Gürtelrose vom Varizella-Zoster-Virus VZV erregt werden. Die Symptome aber, die zeitlich zwischen den Windpocken und der Gürtelrose erscheinen, nehmen wir zwar wahr, bringen sie aber nicht in Verbindung mit dem VZV. Die beiden Gamma-Herpes Virinae, das Epstein-Barr-Virus EBV und das Kaposi-Sarkom-Herpes-Virus KSHV, die mit Tumorbildung in Zusammenhang gebracht werden, sollen nach Primärinfektion asymptomatisch verlaufen. Man kann aber davon ausgehen, dass auch dieses Stadium Symptome generiert, die zwar wahrgenommen, aber nicht in Zusammenhang mit der Infektion gebracht werden. Dieser Umstand erfordert es, die Zeit zwischen Primärinfektion und Tumorbildung Jahrzehnte später genauer zu untersuchen, um zu erkennen, wie sich die Krankheit in diesem scheinbar asymptomatischen Stadium darstellt.

Diese beiden Beispiele stehen exemplarisch für viele Infektionen: die akuten Symptome sind bekannt, die chronischen wurden registriert, aber eine Verbindung zwischen dem Erreger und den Krankheitssymptomen konnte nicht hergestellt werden. Diese Lücke ist in der Medizin wenig bewusst und es erstaunt wenig, dass sich bisher niemand dieser Aufgabe angenommen hat. Es gilt zuerst, Quellen zu einem Erreger zu sichten, diese Quellen auf Brauchbarkeit zu untersuchen, die Krankheitssymptome aus den Quellen zu extrahieren und nach dem Kopf-zu-Fuß-Schema zu ordnen. Je umfassender die Quellen sind, umso vollständiger wird das Bild einer Infektionskrankheit. Erst in dieser Vollständigkeit werden die chronischen Aspekte der Infektion sichtbar. Auf diese zeitraubende Arbeit, akribisch nach Krankheitssymptomen zu suchen, kann nicht verzichtet werden, weil auch ein sehr gutes Lehrbuch nicht in der Lage ist, ein Krankheitsbild in dieser Ausführlichkeit darzustellen.

Friedrich Witzig Dettingen im April 2019
Arzt f. Allgemeinmedizin, Dipl. Biol., Homöopath